Texte, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind

Jörg Restorff | Foto: Ute Gabriel

Texte

Diese Auswahl versammelt eine Reihe meiner Artikel, erschienen unter anderem im Magazin »kultur.west«, der »Neuen Zürcher Zeitung«, »Kunstforum International«, »Monopol« dem »boesner Kunstportal« und der »Rheinischen Post«. Kunst, Architektur und Design, Kultur und Geschichte bilden den Schwerpunkt.

Romancier im Reich der Bilder: Marcel van Eeden (boesnerKunstportal, 17. September 2024)

Er ist ein Enzyklopädist mit dem Zeichenstift. Am liebsten würde Marcel van Eeden die ganze Welt abbilden – freilich nicht deren Gegenwart, sondern die Zeit vor seiner Geburt. Ausstellungen in Leverkusen (Museum Morsbroich) und Winterthur (Villa Flora) würdigen den niederländischen Künstler. Dass seine Strategie der Zeitreise mehr Gemeinsamkeiten mit der Literatur als mit der bildenden Kunst aufweist, kommt nicht von ungefähr: »Bevor ich Künstler geworden bin, wollte ich Schriftsteller werden«, sagt van Eeden. »Aber mein Talent hat nicht ausgereicht.« Ähnlich wie Marcel Proust mit seiner »Suche nach der verlorenen Zeit« die komplexe Natur der menschlichen Erinnerung und Zeiterfahrung zu ergründen suchte, begibt sich Marcel van Eeden auf eine Recherche, die das Vergangene so heranzoomt, als sei es erst vor einem Augenblick passiert.

Remagen: Ausstellung »der die DADA. Unordnung der Geschlechter«, Arp Museum Bahnhof Rolandseck (Kunstforum International, 12. September 2024)

Die vielleicht berühmteste Dadaistin entspringt einer männlichen Phantasie: 1919 huldigte Kurt Schwitters in einem Gedicht der nachmaligen Dada-Ikone »Anna Blume«. Die »Geliebte meiner 27 Sinne«, wie der Merz-Künstler sie anhimmelte, wurde zur Chiffre für das, was den Dadaismus ausmacht: die Lust am Bizarren und Paradoxen, den Sinn für jeden Unsinn. Lässt sich aus der Erfindung dieser Kunstfigur durch einen Mann ableiten, dass die Herren der dadaistischen Schöpfung die maßgeblichen Impulse gaben zu dieser folgenreichen Bewegung? Mitnichten! Aufschlussreich, dass Schwitters selbst auf einer collagierten Porträtpostkarte seinen Kopf mit einer signalroten »Anna Blume«-Marke überklebte. Ein weibliches Primat, das mehr ist als ein Gag, wie jetzt eine Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck belegt: Sie präsentiert rund 200 Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien, Filme und Texte, geographisch verankert entlang der Dada-Achse Zürich, Berlin, Köln, Paris und New York.

Foto-Ausstellung in Essen: Dauerhaft auf Durchreise (Rheinische Post, 7. September 2024)

Sein Fotobuch »The Americans« machte die Schnappschuss-Ästhetik salonfähig. Robert Frank gehört zu den Pionieren der Fotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt ehrt ihn das Museum Folkwang mit einer Werkübersicht. Robert Franks Fotografien schildern das Leben als Ernstfall. Mit virtuoser Beiläufigkeit, Sinn für ungewöhnliche Perspektiven und Mut zum willkürlichen Bildausschnitt aufgenommen auf der Durchreise. Kein Zufall, dass der Künstler die Nähe zu Jack Kerouac suchte, dem Schriftsteller der Beat-Generation. Als Pendant zu dessen Buch »On the Road« zeichnen sich auch die Fotos von Robert Frank durch existenzielle Rastlosigkeit aus.

Tempo! Tempo! (kultur.west, 5. September 2024)

Wer Gent ausschließlich mit historischen Bauwerken in Verbindung bringt, verkennt, dass die zweitgrößte Stadt Flanderns auch eine junge Seite hat. Dazu trägt einerseits die Universität bei. Andererseits hat sich Gent als »Europäische Jugendhauptstadt 2024« (EYC) auf die Fahnen geschrieben, der Jugendkultur ein Forum zu bieten, das sich über die gesamte Stadt erstreckt. Das Asfalt-Festival kommt da wie gerufen. An drei Tagen kann man in Gent rund 20 Street-Sport-Arten erleben und zudem in verschiedene Bereiche der Urban Culture eintauchen. Wettkämpfe, Showcases, Ausstellungen, Vorführungen und Workshops gehören zum Programm, das sich über fünf grüne Zonen in Gent erstreckt.

Dadaistinnen erfanden die Kunst neu – eine Schau rehabilitiert Frauen, die in der Blütezeit des Dadaismus in die zweite Reihe gedrängt wurden (Neue Zürcher Zeitung, 4. September 2024)

In den 1920er-Jahren lief sie in bizarrem Aufzug als »lebende Skulptur« durch New York. Man Ray und Marcel Duchamp drehten einen Kurzfilm über sie – dessen einziger Gegenstand war die Rasur ihres Schamhaars. Provokation war ihr ein und alles. Elsa von Freytag-Loringhoven verkörpert den rebellischen Geist des Dadaismus wie kaum eine andere Künstlerpersönlichkeit dieser Bewegung, die 1916 in Zürich aus der Taufe gehoben wurde. Die extravagante Deutsche steht jetzt im Rampenlicht einer Dadaismus-Ausstellung, die das Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt. »der die DADA. Unordnung der Geschlechter«, so lautet der Titel der mit rund 200 Exponaten bestückten Schau – die Dada-Zentren Zürich, Berlin, Köln, Paris und New York dienen als Orientierungspunkte, um die Stoff-Fülle zu bändigen.

Collagierte Welt (kultur.west, 2. September 2024)

Der Dadaismus rebellierte gegen alles – auch gegen die starre Rollenzuschreibung von Mann und Frau. Das kreative Potenzial, das der dadaistischen »Unordnung der Geschlechter« entsprang, enthüllt jetzt eine Ausstellung im Arp Museum Rolandseck. Sie lenkt das Augenmerk auf die bislang unterschätzten Dada-Frauen. Zwar sind auch die Herren der dadaistischen Schöpfung vertreten in dieser breitgefächerten Übersicht; allerdings erscheinen sie hier eher als Wegbegleiter denn Wegbereiter. Als prima inter pares hingegen beherrschen Dadaistinnen wie Sophie Taeuber-Arp, Elsa von Freytag-Loringhoven, Emmy Hennings oder Hannah Höch die Ausstellungsbühne des Richard-Meier-Baus.

Kuschelkunst und Klangschalen: Wie Gegenwartskunst die Entfremdung von der Welt überwinden will (Neue Zürcher Zeitung, 29. August 2024)

Zurück zur Natur, hinein ins Museum: Eine Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden will die Entfremdung von der Welt mit Gegenwartskunst überwinden. Präsentiert werden Installationen von Bianca Bondi, Julian Charrière, Sam Falls und Ernesto Neto. »I Feel the Earth Whisper«, so der Titel der von Patricia Kamp und Jérôme Sans kuratierten Schau, versteht sich als »klangvolle Liebeserklärung an unsere Erde«. Zugleich ist es eine Liebeserklärung an Frieder Burda. Der Sammler, der vor fünf Jahren in seiner Heimatstadt starb, hat mit seinem Museum, als »Juwel im Park« gerühmt, ebenfalls Naturnähe demonstriert. Lebt der noble Bau des US-Architekten Richard Meier doch nicht zuletzt von seiner großflächigen Durchfensterung, die das Wechselspiel von Licht und Natur ins Innere holt.